Frank Schuster

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N.N.

Frank Schuster, geboren 1969, lebt als Journalist und freier Autor in Darmstadt.

Letzte Veröffentlichungen:
Sternenfutter, Roman, 2018, mainbook Verlag, Frankfurt am Main
Das Haus hinter dem Spiegel, Jugendbuch, 2014, mainbook Verlag, Frankfurt am Main
If 6 Was 9, Roman, 2003, Grübeltäter Verlag, Oldenburg
Kurzprosa u.a. in der Literaturzeitschrift "Am Erker" sowie in der Anthologie „Fotosynthesen“, Pahino Verlag, Frankfurt am Main, 2006, mit u.a. Feridun Zaimoglu und Dietmar Dath

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Der Mann war Jara schon seit längerem aufgefallen.
Mit kaum wahrnehmbaren Zeichen – einem kurzen Blickkontakt, einem Augenzwinkern, einer zaghaften Handbewegung – hatte er allmählich auf sich aufmerksam gemacht.
Zuerst hatte Jara seine zögerlichen Versuche der Kontaktaufnahme ignoriert. Er wollte sichergehen, dass sie tatsächlich ihm und niemand anderem galten. Als der Fremde jedoch beharrlich weitermachte, brachte Jara irgendwann genügend Mut auf, die Zeichen zu erwidern. Eines Tages, der Unbekannte hatte gerade sein linkes Augenlid gesenkt und schnell wieder gehoben, zwinkerte Jara zurück.
Der Mann lächelte ihn kurz an, nicht ohne sich vorher mit hastigen und aufgeregten Blicken über die Schultern zu versichern, dass sie unbeobachtet waren. Dann gefror sein Lächeln wieder und er ging weiter seines Weges.
Nachdem das Spiel zwischen den beiden mehrere Tage lang so weitergegangen und die Kommunikation immer intensiver geworden war, drückte er Jara einen zusammengeknüllten Zettel in die Hand, den Jara sofort in den Mund steckte.
Auf möglichst schnellem Weg und den Speichelfluss unterdrückend zog sich Jara in seine Box zurück. Dort spuckte er den Zettel sofort wieder aus und entfaltete ihn mit vor Aufregung zitternden Fingern.

*

Jara sitzt da und denkt nach. Beim Schachspielen überlegt er immer sehr lange. Plötzlich fragt er: „Kann ich noch eine Rochade machen?“
„Ich glaube nicht, du hast deinen König schon gezogen“, antwortet Leta.
Immer wieder stoßen sie auf Lücken in den Schachregeln. Leta und Jara haben kein Buch, in dem sie nachschlagen könnten. Sie müssen sich auf ihre Erinnerung verlassen.
Die beiden haben sich Schachfiguren aus Laib geknetet. Die schwarzen Figuren aus dunklem, die weißen aus hellem. Das Schachfeld haben sie mit der nötigen Anzahl an Strichen in den Staub auf dem Boden gemalt. Aus was genau Laib besteht, wissen sie nicht. Das weiß keiner in der Station. Sie erhalten es als Futter. Es ist fast geschmacklos, aber nahrhaft.
Jara spielt heute unachtsam und zerstreut. Er muss ständig an den Zettel denken. Nach zwölf Zügen ist er schachmatt. Als Leta seinen König aufnimmt, fragt er: „Kannst du dir vorstellen, dass es da draußen Menschen gibt, die uns befreien wollen?“
Leta reagiert nervös. Er schaut sich um und flüstert: „Pst, sprich nicht davon!“ Anschließend tut er so, als sei nichts gewesen und schlägt eine weitere Partie vor.
Jara lehnt ab. Er sagt, er sei müde.

*

Runter, rauf, runter, rauf. „W …“, klingt es leise aus Jaras Kehle.
Kreis mit Häkchen dran. „a …“
Abnehmender Halbmond. „c …“
Jara versucht sich an das zu erinnern, was ihm seine Mutter beigebracht hat. Sie hatte als Kind noch die Tage der Herrlichkeit miterlebt. Sie hatte Lesen, Schreiben und vieles mehr gelernt, was die meisten Hominiden hier in der Station nicht beherrschen oder was sie längst verlernt haben. Oder was sie verbergen, da es verboten ist.
Jara erinnert sich kaum noch an seine Mutter. Manchmal zieht er heimlich das zerknitterte Foto hervor, das er in seiner Box versteckt hält. Es zeigt sie, wie er sie in Erinnerung hat: jung. Wie sie gewesen war, bevor man sie zwang, den Weg allen Fleisches zu gehen.
Im Gegensatz zu Jara war sie im Lesen geübt.
Nach vielen Minuten, es kommt ihm vor wie eine Ewigkeit, hat er den ersten Satz endlich zusammen: „Wacht auf!“
Er braucht lange, bis er schließlich auch den Rest der Nachricht auf dem Zettel entziffert hat: „Ihr seid Menschen! Widersetzt euch dem Weg allen Fleisches! Wehrt euch!“

(Auszug aus dem Roman Sternenfutter, mainbook Verlag, Frankfurt am Main, 2018)