Dorit Zinn

 

 

1940 in Dessau geboren, Ausbildung als Medizinisch-Technische Assistentin. 1964 Flucht nach West-Berlin, mehrjähriger Aufenthalt in der Schweiz, seit 1972 wohn­haft in Darmstadt, verhei­ratet, zwei erwachsene Söhne. Seit 1979 freie Autorin. Sie veröffentlichte Romane, Kurzgeschichten und Erzählungen, die in zahlreichen Anthologien, unter anderem bei S. Fischer, Rowohlt, dtv, Ravensburg publiziert wurden; Hörspiele und Glossen.

mehr unter:
www.doritzinn.de

 

 

Rote Libelle im weißen Haar

Das Gartentor fällt ins Schloss, vor mir die Gichtmauer, über der die Buchen- und Eichenkronen des Fasaneriewaldes schäumen. Nur noch wenige Schritte bis zu den Hirschköpfen, auf schlanken Sandsteinsäulen bilden sie das östliche Ein- und Ausgangstor der Stadt. Ich blicke hinauf ins stolze Geweih, mit leeren Augen schauen sie zurück auf den brausenden Verkehr der Dieburger Straße. Hat nicht doch einer der Köpfe genickt oder geblinzelt?

Zielstrebig überquere ich die Straße, laufe am Lichtenberghaus vorbei, fix noch ein paar reife Schneebeeren vom Strauch geperlt, zwischen Zeigefinger und Daumen gerieben, bis sie wie in Kindertagen glasig-milchig nachgeben und sich beliebig verformen lassen. Und dann, an der Koppel des Reitervereins, schüttet mir die Sonne ihr Licht entgegen. Vierundzwanzig Pferderücken zähle ich, und dahinter die endlose Weite des Oberfeldes, ein wellenförmiges Auf und Ab, Äcker, die im Oktoberlicht auberginenrot-bläulich glühen, rundum von Waldrändern gesäumt.

Der frisch gepflügte Boden, sein erdiger Geruch, man muss einfach tief durchatmen und loslaufen, das Feld im Gehen erobern. Links am Wald wilde Clematis zwischen Brombeerhecken, die nochmals weiße Blüten zeigen. Und immer wieder den Blick über die Felder springen, auf und ab toben lassen, weit in der Ferne fast maiengrüne Äcker, weiß getupft mit Futterballen. Zwei Reiterinnen preschen heran, respektvoll trete ich zur Seite. Ein frischer Ostwind beißt mir ins Gesicht. Nur weiter, weiter, nach rechts in den Weg, der die Flächen teilt und den Wind abschneidet.

Links dehnt sich ein üppiges Kleefeld mit himbeerfarbenen Blütendolden. Seitdem das Hofgut ökologisch bewirtschaftet wird, haben sich die Farben verändert. Vor einigen Wochen noch waren fast alle Feldränder mit Wildblumen gesäumt und überall sah man Spaziergänger, die dem Angebot nicht widerstehen konnten und sich nach Blüten bückten. Nun ist der Sommer untergepflügt, bald beginnen die ersten Wildschweine mit ihrer rohen Wühlerei. Ich fahre zusammen, etwas springt mich von hinten an, nein, keine wilde Sau, eine feuchte Hundenase stupst mich. Erleichtert kraule ich den seidigen Kopf des Weimaraners, der die Trillerpfeife seines Herrn missachtet und weiterjagt, hinein in den Klee. Ein Falke steht flatternd-schwirrend hoch in der Luft und späht nach Beute.

Ich habe den Judenpfad erreicht, im Rücken eine kleine Bauminsel, davor eine Bank, neben der ein Ahornknabe zum Jüngling heranwächst. Oktobergolden blitzt er mich an. Da muss man ihm Gesellschaft leisten, die Beine ausstrecken und nur noch den Blick laufen lassen: über die Felderwogen, weit hinten winkt die Hand des Hochzeitturms, rechts der Reiterhof und Richtung Süden ragen Holzskulpturen aus Sonnenblumenresten, Detlef Krafts „unbesiegbare“ Hasen.

Plötzlich ein zarter Nebelschleier, in dem sich das Sonnenlicht bricht, und da will ich sofort hinein, dem Meer entgegen, wo gibt es sonst noch so ein Licht, dieses Spiel der Sonne mit dem Dunst, die Weite des Himmels, ade Ahornknabe, ich folge dem Sog, trabe den asphaltierten Weg hinab, der Schritt wird schneller. Selten überholt mich ein Radfahrer, noch seltener kommt mir jemand entgegen, dabei gibt es Tage, meist sind es Wochenenden, da könnte man zu jeder Jahreszeit Goethes Osterspaziergang rezitieren. Ein buntes Menschengewimmel strömt aus der Stadt, schwemmt über die Felder und Wege, verliert sich im Wald und taucht erneut wieder auf, Ebbe und Flut – was sonst?

Am Wiesenrand das Himmelblau der Wegwarte, bald wird auch sie vom ersten Frost genommen. Und schon freue ich mich auf die eisklaren Tage, nur Augen und Nase frei, bin süchtig nach dem kalten Licht, mal hart, mal glasig, mal neblig-trüb. Weiß strahlende Winterfelder, ich sehe schon die Sträucher und Bäume im Raureif strotzen.

Ein Paar springt lachend aus dem Sonnenblumendickicht hinein in meine Schwärmerei, die junge Frau schwenkt einen Endsommerstrauß. Ich lache zurück und denke dankbar an die üppigen Klatschmohnwiesen im Juni, gesprenkelt mit Kornblumenblau. Seit dem Sommer beleben erstmals auch Kühe das Oberfeld, hinter der kleinen, geschwungenen Allee, in deren Baumkronen sich manchmal ein Kinderdrachen verfängt. Im feuchten Gras davor werden, wenn es kälter wird, Reiher stolzieren und nach Futter stochern.

Die ersten Stadtvillen tauchen am Seitersweg auf. Ich muss mich entscheiden zwischen Jugend und Alter, der Bauwagensiedlung „Kassiopeia“, wild, bunt und ungeordnet, oder dem Seniorenheim an der Dieburger Straße, mein Herz sagt „Kassiopeia“, die müden Füße wählen den kürzeren Molkenbachweg. Auch hier gibt es Schrebergärten, neugierig blicke ich über Zäune und bestaune den hessisch-preußischen Ordnungsgeist. Die Blumensträuße für einen Euro sind schon vergeben. Ich stehe auf der kleinen Brücke über dem Bach, auf der Anhöhe gegenüber der reizvolle Rundbau der Reithalle, Fachwerk, frisch renoviert, dahinter erahnt man die Flotowvilla. Die noch grünen Pferdekoppeln davor sind mit Krähen gespickt, nicht mehr lange, und die Vögel hocken wie riesige schwarze Oliven in den kahlen Pappeln.

Am Walnussbaum vorbei – habe ich diesmal Glück? – nein, die letzte Nuss las gerade ein Herr auf, gestützt auf sein Gehwägelchen. Dafür raube ich einen purpurfarbenen Pfaffenhutzweig, bin schon an den Neubauten des Seniorenheims, grüße eine alte Dame, und wir kommen ins Gespräch über Jasmin, japanischen Flieder und Hortensien. Eine Libelle saust vorbei, stürzt sich aufs Haar der noch Älteren, bleibt vibrierend sitzen.
Rote Libelle im weißen Haar – die Farben des Oberfelds im roten Juni und im weißen Winter.


aus dem von Brigitte Zypries herausgegebenen Buch "
Darmstadt, wo es am schönsten ist - 66 Lieblingsplätze", erschienen 2008 im Siebenhaar Verlag, Berlin