Paul-Hermann Gruner

 

Geboren 1959. Seit 1982 in Darm­stadt. Studium Politikwissenschaft, Neuere und Zeitgeschichte, Allge­meine Pädagogik. Magister Artium 1987. Als bildender Künstler (Ob­jekt, Montage, Installation) tätig seit 1980; Ausstellungen und Ausstel­lungs­beteiligungen im In- und Ausland. Zehn Jahre freier Journalist für verschiedene Tageszeitungen in Deutschland. Seit 1996 Redakteur beim DARMSTÄDTER ECHO. Hörfunkarbeiten für NDR, Hamburg und Deutschlandradio Kultur, Berlin. Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller (VS). Seit 2011 Geschäftsführer der Gesellschaft Hessischer Literaturfreunde, Darmstadt. Regionalvorsitzender des Vereins Deutsche Sprache (VDS). Seit 1984 literarische- und Sachbuchveröffentlichungen. Diverse Preise und Stipendien.

 

 

W a s i s t S c h ö n h e i t ?
oder: Das Auge

Was ist Schönheit? Ich habe mich angesichts dieser so leichten, filigran schwebenden, eigentlich in sich längst beantworteten Frage – weil: Das weiß doch jeder! – über einschlägige wie ausschlägige Lexika hergemacht. Gelesen, geblättert, gelesen. Viele kluge Sachen. Ein Satz blieb bei mir hängen, ein kurzer. Bei mir bleiben nur kurze Sätze hängen. Schönheit, stand da, liege im Auge des Betrachters. Ich hatte diesen Satz schon mal so gehört. Oder so ähnlich.

Um ihm wissenschaftlich auf den Grund zu gehen, habe ich mir das Auge eines Betrachters einmal vorgenommen. Mit Erlaubnis seines Besitzers habe ich mir das rechte seiner beiden besorgt, habe in es hineingeschaut, habe es von unten, oben, rechts und links untersucht, es schließlich schockgefroren und labortechnisch sauber in hundert Gewebeprobenschnitte unterteilt und jeden einzelnen davon beidseitig mit dem Mikroskop durchgearbeitet. Nach vielen Stunden harter Arbeit stand das Ergebnis fest: nichts. Ich habe nichts entdecken können. Keine Spuren, keine Hinweise auf irgendwas wie Schönheit. Mein Bekannter trägt seit elf Tagen eine Augenklappe.

Damit könnte diese irgendwie traurig wirkende Geschichte einer vergeblichen Suche beendet sein. Aber nein, sie geht weiter. Mein Bekannter rief mich vor drei Tagen an, er hätte eine neue Freundin. Mit so einer Augenklappe sehe er so verdammt süß aus, habe sie gesagt. Schön, schick und schnuckelig. Sie nenne ihn nur noch „mein Kläppchen“. Mit den beiden scheint es also zu klappen.

Jetzt hat mein Bekannter kein rechtes Auge mehr, aber dafür eine sehr verliebte Freundin. Ein Tor hat sich für ihn geöffnet. Was ich dazu sage? Die Welt ist doch gerecht. Wenn auch vollkommen unberechenbar. Wie ich das finde? Schön.